Wildkräuter der kalten Jahreszeit: Vogelmiere (Stellaria media)


Die Stellaria, das „Sternchen“, wurde und wird als schlimmes Unkraut verfolgt, dessen Eroberungssucht „jener eines Bonaparte oder Hitler nicht nachsteht“, wie sich der amerikanische Unkrautexperte Edwin Rollin Spencer erboste: Mit ätzendem Ammoniak – am Morgen, wenn die Pflanze noch taufeucht ist -, werde sie jedoch wegzubrennen sein. (Edwin R. Spencer and Emma Bergdolt: All about weeds, 1974)

Tatsächlich ist die Pflanze fast unverwüstlich: Schwach im Boden verwurzelt, kann sie mithilfe einer durchlaufenden Härchen-Reihe an allen Stielen entlang (das sicherste Erkennungsmerkmal) auch die Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen, nicht nur aus der Erde. 

Merkmal: Härchenreihe am Stiel

 Sie ist rund ums Jahr aktiv: Schon ab + 4 ° C keimen ihre Samen, also auch an milden Wintertagen unterm Schnee. Sollte es länger frostig bleiben: Die Samen bleiben Jahrzehnte lang keimfähigAuf  Bestäubung durch Insekten ist sie nicht angewiesen: Sollten die Tierchen ausbleiben (etwa im Winter), kann sie ihre Staubbeutel zum Stempel hinkrümmen und sich so selbst befruchten.

 In unaufgeklärten Zeiten war eine kryptischere Methode zur Bekämpfung der Vogelmiere bekannt: Um 12 Uhr Mittag die Vogelmiere an allen 4 Hausecken ausreißen. Leider gibt es an keiner unserer Hausecken auch nur das kleinste Blatterl Vogelmiere – nicht dass ich sie ausreißen würde. Denn sie hat unübertroffene Vorteile:
◊ Sie bedeckt brachliegenden Boden sehr rasch und schützt ihn dadurch – „heilt“ ihn, wie W. D. Storl schreibt.
Ihre Samen werden von kleinen Vögeln gefressen – wohl der Ursprung ihres Namens.
Sie ist ein Zeichen für Stickstoffreichtum im Boden, also gute Voraussetzungen für starkzehrendes Gemüse.
Ihr Blütennektar sichert kurzrüsseligen Insekten das Überleben.

herbstliches Prachtexemplar

Die Erkennungsmerkmale zusammengefasst:
♦ meist 10 – 20 cm hoch (manchmal höher)
♦ ganze Pflanze saftig grün und weich
♦ rundliche, manchmal annähernd herzförmige Blätter
♦ Knospen auf auffällig langen Stielen, an denen sie bogig herabhängen; Knospen und Stiele stark behaart
♦ kleine, weiße, sternförmige Blüten (fünf doppelte Blütenblätter, siehe 1. Bild)
♦ einzeilige „Härchenreihe“ entlang der Stiele (s. 2. Bild), die sie von allen anderen Mieren unterscheidet
♦ „Hühnerdarm„: beim Abreißen der Hauptstiele bleibt meist ein Stück vom Inneren übrig:

bleibt beim Abreißen oft stehen: der "Hühnerdarm"

 

 

 
 
 

 

Vogelmieren-REZEPTE

Ich verwende die Vogelmiere wann immer ich sie kriegen kann als Beigabe zum Salat: Einfach ein oder zwei Handvoll davon waschen, grob hacken und in den Salat mischen.

Suppe
Zwiebeln leicht anrösten, mit Wasser aufgießen und würzen. Geschälte, gewürfelte Kartoffeln darin weich kochen, vom Feuer nehmen und die gewaschene, grob gehackte Vogelmiere dazu geben. Je nach Wunsch mehr oder weniger gründlich pürieren.

Warmer Karottensalat mit Vogelmiere (von Brigitte Haiden-Starkie) 
    400 g Karotten
    1 Handvoll Vogelmiere (gewaschen und fein geschnitten)
    etwas Essig
    ein paar EL Schlagobers
    Salz
Karotten in Halb-Zentimeterscheiben schneiden, bissfest kochen. Danach noch heiß in einer Schüssel mit den anderen Zutaten mischen.

Vogelmieren-Pesto (auch von Gitti)
    100 g Vogelmiere
    2 El geröstete Sonnenblumenkerne
    4 El Sonnenblumenöl
    etwas Salz

Vogelmiere gut waschen, holzige Stiele entfernen und sehr fein hacken. Mit den anderen Zutaten gut mischen und in sauberen Gläsern abfüllen. Kühl und dunkel bis zu 8 Monaten lagerbar.
 

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Über rapontica

Ich bin in der Steiermark geboren, habe in Wien Ernährungswissenschaften (Schwerpunkt Ernährungsökologie) studiert und lebe mit Mann und Hund im Wienerwald. Meine Lieblingsthemen sind essbare Wildpflanzen und Heil- bzw. Vitalpilze; zu den Pilzen habe ich in Winterthur (Schweiz) eine Fortbildung zur Mykotherapeutin absolviert. In Fachbeiträgen, Kursen und Vorträgen gebe ich dieses Wissen regelmäßig weiter - immer vor dem Hintergrund der menschlichen Ernährung im Wandel der Zeit. Dabei ist mein Ziel nicht die schlichte Wissensvermittlung, sondern das Weitergeben der Faszination für die Pflanzenwelt vor unserer Nase - und des teils verloren gegangenen Wissens um ihre Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit.
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12 Antworten zu Wildkräuter der kalten Jahreszeit: Vogelmiere (Stellaria media)

  1. christianehutter68 schreibt:

    Hat dies auf Lust-am-gesunden-Leben rebloggt und kommentierte:
    Sehr interessanter Artikel.

  2. Pingback: Gebwöhnliche Vogelmiere (Stellaria media) – desireesflorandfauna

  3. Anonymous schreibt:

    sehr hilfreich danke .Habe diese kleine Kräutlein echt unterschätzt.
    Wollte was gegen mein Magenweh heute und kam auf Vogelmiere

    • Anonymous schreibt:

      Ja, diese unscheinbaren Wildkräutlein unterschätzt man leicht.
      Zur frage unten (etwas verspätet…): Die Saponine zählen zu den sekundären resp. bioaktiven Pflanzenstoffen und sind wichtig für die Gesunderhaltung. Zu viel ist allerdings nicht gut, wie bei allem.
      Generell würde ich aber auch hier die Faustregel anwenden: Bevor man zuviel erwischt, ist einem wahrscheinlich schon schlecht bzw. man verspürt eine Abneigung, weiterzuessen.
      Wir essen im Frühling und im Herbst oft eine ganze große Salatschüssel voll Wildsalat (zu zweit), wobei die Vogelmiere nicht selten die Hälfte davon ausmacht.
      Für genaue Mengenangaben müsste ich nachlesen – vermute aber, dass es dazu keine akkuraten Angaben gibt.
      Lasst es euch schmecken! 🙂

  4. Juliana schreibt:

    Hallo, hab gelesen, dass man nicht zuviel davon essen soll, weil sie saponinhaltig ist. Ist das richtig so bzw. welche Mengen wären empfehlenswert? Gruß Juliana

    • rapontica schreibt:

      Hallo, Julia!
      Soviel ich weiß, kann von bioaktiven Pflanzenstoffen (wie es die Saponine sind) kaum zuviel bekommen, indem man Pflanzen isst – vorausgesetzt man hat einen gesunden Darm. Bei Darmentzündungen ist die Barriere gestört, in einem solchen Fall würde ich nicht mehr als eine kleine Handvoll Vogelmiere pro Tag essen – wenn überhaupt, je nach Erkrankungsgrad. Und täglich wird sichs ja dann auch nicht ergeben.

      Was die Saponine betrifft: Es gibt Gerüchte, wonach sie nicht ins Blut gelangen sollten; das ist Blödsinn. Im Darm erhöhen Saponine v.a. die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut und die Aufnahme verschiedenster Stoffe ins Blut. Aber erst im Blut erfüllen sie ihre vielfältigen Wirkungen im Immunsystem und in der Regulierung der Blutfette.
      Bestimmte einzelne Saponine können tatsächlich zu Nebenwirkungen führen; hier sind wir aber bei Süßholz oder Rosskastanie.

      Von einer Vogelmieren-Obergrenze hab ich noch nichts gehört; im Allgemeinen zeichnen sich ungiftige Pflanzen dadurch aus, dass es unmöglich ist, gefährliche Mengen davon zu essen. Erstens ist der Magen lang vorher schon voll, und zweitens vergeht einem der Appetit.
      Ausnahmen sind natürlich stark harntreibende Kräuter bei Nierenleiden, Schwangerschaft, … Aber wir gehen hier von gesunden, nicht schwangeren Erwachsenen aus, nehme ich an! 😉
      Wohlgemerkt: Ich gebe hier keine Empfehlungen und schon gar keinen ärztlichen Rat ab. Meine Ergüsse sind in meinem Ernährungsstudium und in der Volksheilkunde begründet.
      Lass es dir gut schmecken!
      Danke für dein Interesse & liebe Grüße!

  5. Pingback: Möhrensalat mit Vogelmiere und Milch-Nix-Verkomme-Lasse-Tipp « Grotzen und Butzen.

  6. Birne N. Korb schreibt:

    Super, der Post ist sehr hilfreich, besonders durch die ausführliche Beschreibung der Merkmale. Vielen Dank! Ist bei mir im Blumenkasten aufgegangen, dann kann ich ja jetzt beherzt Salat und anderes daraus machen :).

    • rapontica schreibt:

      Hallo!
      Danke für deinen Kommentar! Wie bist du denn auf meinen blog gekommen?
      Ich lass die Vogelmiere auch immer wachsen wenn ich sie wo entdecke und warte, bis sie eine schöne Größe hat – dann geht sie gleich mit in die Salatschüssel! 🙂
      Guten Appetit!
      Liebe Grüße, Gerit

      • Birne N. Korb schreibt:

        Ich habe Bilder zur Vogelmiere gesucht, weil ich mir noch nicht ganz sicher war, was da im Kasten wächst. Und dein Blog war bei den Ergebnissen, da habe ich mir die Seite direkt mal durchgelesen und die nötigen Informationen gefunden, um sicherzusein. Und das Blog gleich „abonniert“ :).
        Ich habe die Miere in einen Kreuterquark gemischt und noch ein wenig im Kasten gelassen, damit sie fürs nächste mal noch etwas wachsen kann.

  7. Mexxin schreibt:

    Danke für diese Seite,
    liebe Grüße
    Mexxin

  8. country girl schreibt:

    Super post, vogelmiere schmeckt mir recht gut. Danke für den infos!

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