Himmelswasser – der Zauber der Alchemilla

Eine der am stärksten mit dem Element Wasser assoziierten Heilpflanzen Europas ist der Frauenmantel (Alchemilla sp.). Er ist bei uns weit verbreitet und sehr leicht zu erkennen. (Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 43 der Zeitschrift des Vereins Permakultur Austria erschienen.)

Der wissenschaftliche Gattungsname des Frauenmantels ist Alchemilla, was sinngemäß mit „Zauberkraut“ und wörtlich mit „kleine Alchimistin“ übersetzt werden kann. Die Alchemisten kann man sich als frühe Chemiker des Mittelalters vorstellen, die in Anlehnung an die Schriften der schon damals großen Universitäten des Orients mit (mehr oder weniger giftigen) pflanzlichen, tierischen und anorganischen Stoffen experimentierten. Stets auf der Suche nach dem Stein der Weisen (1), ging es ihnen um die „Läuterung“, die Vollendung und Veredelung der natürlichen Ausgangsmaterialien, die als roh und unvollkommen betrachtet wurden. Der Frauenmantel, der seit grauer Vorzeit genutzt und verehrt wird, macht Ähnliches: Er nimmt Wasser aus dem Boden auf, reinigt, klärt, läutert es und scheidet es aus.

Der Frauenmantel wächst bevorzugt auf feuchten, nährstoffreichen Wiesen fast in ganz Europa. Überschüssiges Wasser gibt er am Morgen wieder ab: An seinen Blatträndern finden sich „Hydathoden“, kleine Drüsen, durch die die Pflanze den Zellsaft bei übermäßigem Druck ausscheidet. Diesen Vorgang nennt man Guttation. Womit auch schon mit dem Irrtum aufgeräumt wäre, es sei nur der Morgentau, der sich auf den Blätter niedergeschlagen hat; es ist eine Mischung aus beidem.

Diese Wassertröpfchen sitzen aneinander gereiht wie die Perlen einer Kette an den Zähnchen der Blattränder und glitzern und funkeln wie Juwelen. Die Strahlen der Morgensonne werden durch dieses Pflanzenwasser gebrochen, und beim richtigen Licht sind sie für kurze Momente von einem Hauch aus Regenbogenfarben umgeben. Die Tröpfchen kullern schließlich zur Mitte der trichterähnlich gefältelten Blätter und sammeln sich dort zu einem größeren Tropfen. Es ist ein so zauberhafter Anblick, dass es nicht verwunderlich ist, dass eine solche Fülle verschiedener Fantasien um den Frauenmantel herum entstanden ist.

Zwei Rosengewächse: Rose und Frauenmantelblüten

Dem klaren, funkelnden „Himmelswasser“ verdankt der Frauenmantel eine Reihe von Namen, die auf das Wasser Bezug nehmen: Sin(n)au (mittelhochdeutsch sin = immer, au = Wasser), Sintau, Synauwe, Himmelstau, Taubecher, Tränenschön, Tauschüsselchen, Regendachl, Taukräutl, … Andere Namen des Volksmundes erzählen von Jenen, denen der Frauenmantel geweiht war: In vorchristlicher Zeit war dies die Frigga (die germanische Mutter-Erdgöttin), gleichbedeutend mit der Berchta und der Holle – der ältesten Erdgöttin überhaupt, die sich bei uns heute nur noch in der Gestalt von „des Teufels Großmutter“ und der Frau Holle wiederfindet. Ihr zu Ehren hieß der Frauenmantel „Friggas Blume“. Unter dem Einfluss des Christentums wurde daraus das Marienkraut, der Marienmantel oder Muttergottesmantel, um nur wenige Beispiele zu nennen. Auf seine Wirkung gegen Frauenleiden weisen alte Namen wie Allerfrauenheil, Jungfernwurz und Frauentrost hin, und als „Nimm-ma-nix“ soll er einen Gegenzauber bewirkt haben, wenn eine Kuh für verhext gehalten wurde.

Der Frauenmantel hat Alchimisten und Heilkundige gleichermaßen fasziniert. Auch Jenen, die nicht „vom Fach“ waren, war dieses gängige Heilkraut geläufig. Während die Alchimisten also die Unsterblichkeit (oder wenigstens Gold) darin zu finden hofften, wurde er von jungen Mädchen verwendet, um die verlorene Jungfernschaft wieder zu erlangen. Allerdings war damit nicht die Unberührtheit im körperlichen Sinne gemeint, sondern in einem ganzheitlicheren: Ähnlich wie den damaligen Wissenschaftern ging es ihnen um Reinigung, Klärung, Läuterung. Die Athenerinnen der Antike zogen in der ersten Vollmondnacht nach der Sommersonnenwende aus, um das Himmelswasser zu sammeln. Die wahren ExpertInnen waren jedoch die Kräuterkundigen, die Weisen Frauen, Hebammen und Henker (!), die beruflich mit heilenden Pflanzen befasst waren.

Das breite Wirkungsspektrum des Frauenmantels entspricht der Vielfalt seiner Inhaltsstoffe. Es lässt sich nicht an einer Leitsubstanz festmachen, sondern ergibt sich aus der einzigartigen Komposition einzelner Substanzen oder Substanzklassen. Wie es sich für ein Rosengewächs gehört, ist seine größte Wirkstofffraktion die der Gerbstoffe. Sie wirken u.a. zusammenziehend, gewebsstärkend, tonisierend und antioxidativ, und sie hemmen Bakterien, Pilze und Viren. Für werdende Mütter und Menstruierende ist die blutstillende und wundheilende Wirkung der Gerbstoffe wichtig. Die Bitterstoffe reinigen das Blut und fördern die Ausscheidung, die Cumarine und Flavonoide des Frauenmantels wirken Ödemen entgegen und stärken Venen und Bindegewebe, letztere wirken teils sogar antiviral. Sogar etwas Salicylsäure (eine Aspirin-Vorstufe) ist in den Blättern enthalten, weiters kleine Mengen an ätherischem Öl, Vitaminen, Phytosterinen und Mineralstoffen. Keine dieser Substanzen ist in nennenswerter Konzentration enthalten, doch macht wie gesagt die spezielle Kombination den Frauenmantel zu einer besonders wirksamen Heilpflanze.

(1) Metapher für einen fiktiven Stoff, der alles Unvollkommene vervollkommnet und Unedles in Edles (z.B. Gold) verwandelt, so auch Krankheit in Gesundheit und Tod in Leben – also ein Begriff für Unsterblichkeit.

Bücher zum Thema

1. Das mit Sicherheit umfassendste Buch über den Frauenmantel ist Margret Madejsky’s „Alchemilla“ (Goldmann Arkana), in dem die Heilpraktikerin mit unzähligen Bildern, Rezepten und Anwendungsbeispielen nicht nur den Frauenmantel beschreibt, sondern auch gleich die ganze Familie der Rosengewächse charakterisiert und zusätzlich andere altbewährte Frauenkräuter, die die Wirkung des Frauenmantels ergänzen und verstärken können.

2. Noch ein must have von Margret Madejsky: das Lexikon der Frauenkräuter (AT-Verlag). Sehr groß und dick, sehr umfassend und äußerst informativ. Und seeehr schön!!

3. Eine kompakte Zusammenfassung der Kräuterheilkunde für Frauen ist Anda Dinhopl’s Buch „Frauenkräuter“ (Milena-Verlag), das auch viele Rezepte u.a. für Heilkräutertees oder wirksame Mischungen ätherischer Öle enthält.

4. Auch einen historischen Roman möchte ich empfehlen: „Die Henkerstochter“ von Oliver Pötzsch (Ullstein): Ein Einblick in die Berufsstände von Hebamme und Henker zur Zeit der Hexenverfolgungen im Bayern.

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Über rapontica

Ich bin in der Steiermark geboren, habe in Wien Ernährungswissenschaften (Schwerpunkt Ernährungsökologie) studiert und lebe mit Mann und Hund im Wienerwald. Meine Lieblingsthemen sind essbare Wildpflanzen und Heil- bzw. Vitalpilze; zu den Pilzen habe ich in Winterthur (Schweiz) eine Fortbildung zur Mykotherapeutin absolviert. In Fachbeiträgen, Kursen und Vorträgen gebe ich dieses Wissen regelmäßig weiter - immer vor dem Hintergrund der menschlichen Ernährung im Wandel der Zeit. Dabei ist mein Ziel nicht die schlichte Wissensvermittlung, sondern das Weitergeben der Faszination für die Pflanzenwelt vor unserer Nase - und des teils verloren gegangenen Wissens um ihre Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit.
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3 Antworten zu Himmelswasser – der Zauber der Alchemilla

  1. rapontica schreibt:

    Liebe Sandra,
    was für eine schöne website du hast! Und was du alles machst!!! Natürlich freue ich mich über die Verlinkung – trotzdem danke fürs Fragen.
    Ich hab mich ein bissl bei dir umgeschaut – konnte aber nicht rausfinden, WO der link ist?
    Liebe Grüße & alles Gute!
    Gerit
    P.S.: Wie bist du denn auf meinen blog gestoßen?

  2. Sandra Vielmetti schreibt:

    Lieber Rapunzelgarten, ich habe einen Link auf deine Seite von meiner Seite aus gesetzt. Darf ich das? Ich finde deine Beschreibung dieser wertvollen Heilpflanze sehr toll und möchte kein Plagiat auf meine Seite schreiben :-))
    liebe Grüße, Sandra Vielmetti

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