Mit jedem Essen die Welt retten

Dieser Text ist – mit kleinen Abweichungen – in der Vereinszeitung der Permakultur Austria Nr. 42 erschienen. www.permakultur.net Ich möchte aber darauf hinweisen, dass der Text aus dem Jahr 2011 stammt und nicht mehr ganz aktuell ist.

 

Ich bin 1972 im steirischen Leoben geboren, den Großteil meiner Schulzeit habe ich in Oberösterreich verbracht. Während meines Studiums am Institut für Ernährungswissenschaften in Wien habe ich eine der für meinen weiteren Weg besonders prägenden Personen kennen gelernt: meine Botanik-Professorin Dr. Susanne Till, unter deren akkurater und mütterlicher Anleitung ich mir das Handwerkzeug zum Identifizieren bzw. Beschreiben von Pflanzen aneignete.

Meinem Naturell entsprechend interessierte mich von Anfang an vor allem, was man essen kann. Zwei Lehrgänge an der Weinviertler Kräuterakademie (wo ich offiziell zum „Kräuterweiblein“ ausgebildet wurde) haben meine Perspektive um das Wissen um überlieferte Anwendungsformen erweitert.

Gömbi vor Pommernenten

Seit drei Jahren gibt es in meinem Heimatort ein Selbsterntefeld, wo ich heuer zum zweiten Mal eine kleine Parzelle gepachtet habe – zusätzlich zu meinen Anbauversuchen im eigenen Garten. Der Vorteil ist der minimale Aufwand, da der Bauer Bodenbearbeitung und Bepflanzung übernimmt (und das für eine äußerst günstige Pacht), sowie der Ertrag, der – selbst in Jahren wie diesem – den Aufwand mehr als wettmacht. Aus dem Kreis der PächterInnen ist in diesem Sommer die Tauschkreis-Regionalgruppe Wienerwald hervorgegangen, der zunehmend aktiv betrieben wird und beständig wächst. Im Tauschkreis bin ich auch Susanne Deimel begegnet, durch die ich den Verein Permakultur Austria kennen lernte.

unser Selbsterntefeld

Was das Essen betrifft, bin ich weder vegan noch vegetarisch. Zum Entsetzen Vieler esse ich sogar meine eigenen Moschusenten; denn wenn ich schon Fleisch esse, bin ich entschlossen, auch das Töten nicht aus meinem Bewusstsein auszublenden. Und schließlich ist der Kauf von nicht-biologischem Fleisch fast immer eine Investition in die Massentierhaltung oder im Mindesten in die Zerstörung von Ökosystemen in Übersee. Denn soweit ich weiß, bekommt der gesamte (nicht-biologische) österreichische Viehbestand mittel- oder südamerikanisches Futter; alles andere wäre ungleich teurer. Genau genommen kann man also durch bewusste Lebensmittelauswahl tatsächlich mit jedem Essen die Welt retten – zumindest ein Stück weit!

Die umweltschonendste Nahrung überhaupt ist Gesammeltes: Es ist ausnahmslos regional, saisonal und gratis sowie sozial verträglich – also in jeder Hinsicht nachhaltig! In meinen Veranstaltungen geht es immer um den Kontakt zu (v.a. wild wachsenden) Pflanzen, zum Bodenständigen, um das Wissen unserer Vorfahren, das heute von Vielen für entbehrlich gehalten wird. In meinen Führungen dreht sich alles ums Sammeln: Es erinnert uns daran, wo wir leben und wer unsere Mitbewohner sind – eben alles Lebendige, das uns beim Sammeln unterkommt. Das Sammeln schärft den Blick und die Wertschätzung für unsere Umgebung und für den Jahreslauf und andere Kreisläufe.

 

Nichts ist für mich so fesselnd wie das Entdecken halb vergessener Kenntnisse und Fähigkeiten, von alten Bräuchen und Überzeugungen – vor allem, wenn es um Pflanzen und Ernährung geht. Es handelt sich hier um Dinge, die dem Alltag unserer Vorfahren einen Rahmen gegeben haben – und das gar nicht so viele Generationen zurück. Oft klingen diese Überlieferungen für unsere modernen, abgeklärten Ohren schlicht einfältig. Zweifellos sind manche das auch – Irren ist menschlich. Wir sollten aber bedenken, dass manche „Weisheit“ lediglich eine Merkhilfe gewesen sein mag und mit einem Augenzwinkern angewendet wurde. Vor allem aber fehlt der heutigen Überlieferung fast immer der Kontext der damaligen Zeit, sodass uns die Botschaft sinnlos erscheint.

In meinen Kursen möchte ich solche Überlieferungen wieder in ihren ursprünglichen Zusammenhang bringen und sie möglichst praxisnah vermitteln. Wichtig ist mir dabei, dass das Neue/Alte in den Alltag übernommen wird – und sei es nur eine einzige Pflanze, die Einzug in den Speiseplan hält. Und Viele, die bei einer meiner Führungen dabei waren und daraufhin tatsächlich zu „SammlerInnen“ geworden sind, sprechen von einer neuen Leidenschaft, die sich „irgendwie vertraut“ anfühlt. Das Sammeln liegt uns Menschen eben im Blut.

Vogelmiere im Herbst

Ein Rezept:
9-Kräuter-Suppe (auch „Gründonnerstagssuppe“)
Diese einst wichtigste aller Speisen im Jahreslauf enthält die ersten Vitaminspender des Jahres. Die enthaltenen Pflanzen variieren je nach Region, es müssen aber 9 verschiedene sein – 3 ist eine heilige Zahl, und drei mal drei ist 9!
Ein Beispiel: Bärlauch, Schafgarbe, Gundelrebe, Löwenzahn, Taubnessel, Sauerampfer, Giersch, Brennnessel und Vogelmiere etwa zu gleichen Teilen. (handvollweise gemessen)

Kartoffeln schälen und würfelig schneiden. In Salzwasser weichkochen und die gewaschenen, kleingeschnittenen Kräuter kurz mitsieden lassen. Je nach Geschmack mehr oder weniger gründlich pürieren, ev. nachsalzen und mit einem Löffel Sauerrahm pro Teller anrichten.

Diese Speise erweckt die Lebensgeister, sprich: die Verdauung und den Stoffwechsel zu neuer Aktivität, was gerade nach der langen, finsteren Winterzeit wichtig ist. Auch im Herbst sind die meisten dieser Kräutlein verfügbar, manche (Vogelmiere, Brennnessel) haben jetzt noch einmal Hochkonjunktur. Alte, abgeblühte Exemplare sollten aber in jedem Fall gemieden werden.

Vogelmierensalat

 

Einige meiner Lieblingsbücher:

Till, Susanne: Wildkräuterdelikatessen (Residenz Verlag 2007)

Machatschek, Michael: Nahrhafte Landschaft; Nahrhafte Landschaft 2 (beide Böhlau Verlag, 2004 bzw. 2007)

Storl, Wolf-Dieter: Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor (Verlag Droemer/Knaur 2007)

Storl, Wolf-Dieter und Pfyl, Paul Silas: Bekannte und vergessene Gemüse (Verlag Piper 2008)

Fleischhauer, Steffen Guido: Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen (AT-Verlag 2003)

Heistinger, Andrea: Handbuch Samengärtnerei: Sorten erhalten. Vielfalt vermehren. Gemüse genießen. (Eugen Ulmer Verlag, aktualisierte Auflage 2010)

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Über rapontica

Ich bin in der Steiermark geboren, habe in Wien Ernährungswissenschaften (Schwerpunkt Ernährungsökologie) studiert und lebe mit Mann und Hund im Wienerwald. Meine Lieblingsthemen sind essbare Wildpflanzen und Heil- bzw. Vitalpilze; zu den Pilzen habe ich in Winterthur (Schweiz) eine Fortbildung zur Mykotherapeutin absolviert. In Fachbeiträgen, Kursen und Vorträgen gebe ich dieses Wissen regelmäßig weiter - immer vor dem Hintergrund der menschlichen Ernährung im Wandel der Zeit. Dabei ist mein Ziel nicht die schlichte Wissensvermittlung, sondern das Weitergeben der Faszination für die Pflanzenwelt vor unserer Nase - und des teils verloren gegangenen Wissens um ihre Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit.
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2 Antworten zu Mit jedem Essen die Welt retten

  1. leopold rainer schreibt:

    liebe gerit, ich hab mir gerade deine website angesehen und habe mich sehr gefreut, dass du mein selbsterntefeld erwähnt hast. danke schön, leopold rainer

    • rapontica schreibt:

      Immer gerne! 🙂 Ich freu mich schon sooooo auf die neue Saison…. HOFFENTLICH wiedereinmal mit gemüsefreundlicherem Wetter!!!!

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