Was leuchtet so wild im Herbstgestrüpp?

Kaum hat uns der Sommer ganz verlassen, zähle ich schon die Monate bis zum nächsten Frühling. Nur eines kann mich halbwegs trösten: die Herbsternte. Schwarz glänzende Hollerbeeren, blutrote Weißdorn-Äpfelchen, tiefblaue, blass bereifte Schlehen und knallorange Vogelbeeren – und zum Drüberstreuen die kleinen, knackigen Brennnesselfrüchtchen, die ich gern als „Brennnesselmohn“ bezeichne.

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Natürlich ist das noch längst nicht alles. Es gibt noch Hagebutten, Dirndln, Elsbeeren (wenn man Glück hat), Brombeeren, … Umstrittenes wie Schneeball, Roter Hartriegel oder Bergholler lieber nicht mitgezählt.

Verwendung
Die einfachste Anwendung der Wildfrüchte ist das Trocknen. Dazu legt man die Früchte am besten auf ein Backblech, das mit Küchenpapier, Backpapier oder einem Geschirrtuch belegt ist, und zwar so, dass sie sich möglichst nicht berühren. Das Blech stellt man dann auf den Heuboden. Wer keinen hat ;), gibt das Blech in einen möglichst dunklen und trockenen Raum, oder man schiebt es ins Backrohr und trocknet die Früchte bei niedrigster Temperatur und offener (!!) Ofenklappe. (einen Kochlöffel einklemmen) Das kann aber auch einige Tage dauern…

Die getrockneten Früchte kann man für Tees verwenden oder als Backzutat in Kuchen-, Palatschinken- oder Muffinteig. Hat man Schlehen getrocknet, empfiehlt es sich, den Winter über hie und da eine zu kauen. (Vorsicht, Steinkern!) Sie schmecken herb-sauer und adstringierend und sind ein tolles Tonikum für die Mundschleimhaut, die im Herbst und Winter besonders strapaziert wird.

Holunderhuhn

Ooops – was tut das Huhn im Hollerbusch??

Kürzlich hat mir jemand eine Handvoll Ebereschen (= Vogelbeeren) geschenkt. Ich habe sie mit wenig Wasser durchgekocht (roh sind sie giftig), mit etwas Apfelkompott püriert – und fertig war das Wildfruchtmus! Zu viele Ebereschen darf man aber nicht nehmen, sonst schmeckts zu herb. Etwas Honig und Zimt hilft auch. 🙂

Das Gute an Ebereschen und Hollerbeeren ist, dass die kleinen Kerne nicht stören; Weißdorn, Schlehe oder Dirndl machens uns nicht so leicht. Da braucht man schon ein Passiersieb und ein Passierschwämmchen.

Inhaltsstoffe
Bei den Inhaltsstoffen ist durchwegs der hohe Vitamin C-Gehalt zu erwähnen, weiters die Fruchtsäuren und Gerbstoffe. Besonders dunkle Früchte haben viel „Vitamin P“ – eine veraltete Bezeichnung, die sinngemäß von „Pigment“ oder auch von „Polyphenole“ herstammen könnte, tatsächlich stand es einst für „Permeabilitätsfaktor“ (aus welchem Grund auch immer). Wie auch immer: Gemeint sind Substanzen, die blau bis rötlich, violett oder nahezu schwarz sein können – also Pflanzenpigmente. Chemisch gehören sie zu den Polyphenolen, die großteils als gesundheitsfördernd gelten: Sie wirken entzündungshemmend, antiallergisch und antiviral, gefäßschützend, blutreinigend und antimikrobiell, und – falls das noch nicht umwerfend genug war – sogar krebsvorbeugend.

Holunderfrüchte enthalten so viel davon, dass sie erstens tiefschwarz erscheinen und zweitens als industrielle Quelle für Lebensmittelfarbe angebaut werden.

Minifrüchte
Ab Sommer fruchten Brennnessel und Breitwegerich, deren winzig kleine Früchte ich gerne und ständig überall dazugebe: aufs Frühstücksbrot auf die Butter (unter Marmelade, Honig oder Käse), in die Eierspeis, ins Müsli, in jeden Teig (Palatschinken, Muffins, Kuchen, Nockerln, Spätzle, … siehe Rezepte in diesem Artikel), in Suppen und Eintöpfe.
Oder in den Jasminreis mit bunten Tomaten und Bohnen:

BrennnesselreisBreitwegerich fruchtet ebenso üppig wie Brennnessel: Auf dem Bild (links) sieht man gleich mehrere Stadien, von der Blüte bis zur Erntereife.

Breitwegerich    Brennnesselmohn

Sehr inspirierend finde ich wiedermal das Buch meiner einstigen Botanik-Professorin Dr. Susanne Till: Wildkräuter Delikatessen. Darin finden sich gleich mehrere Varianten und Verwendungsmöglichkeiten von Wildfruchtmusen.

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Über rapontica

Ich bin in der Steiermark geboren, habe in Wien Ernährungswissenschaften (Schwerpunkt Ernährungsökologie) studiert und lebe mit Mann und Hund im Wienerwald. Meine Lieblingsthemen sind essbare Wildpflanzen und Heil- bzw. Vitalpilze; zu den Pilzen habe ich in Winterthur (Schweiz) eine Fortbildung zur Mykotherapeutin absolviert. In Fachbeiträgen, Kursen und Vorträgen gebe ich dieses Wissen regelmäßig weiter - immer vor dem Hintergrund der menschlichen Ernährung im Wandel der Zeit. Dabei ist mein Ziel nicht die schlichte Wissensvermittlung, sondern das Weitergeben der Faszination für die Pflanzenwelt vor unserer Nase - und des teils verloren gegangenen Wissens um ihre Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit.
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