Heilpilze – Nahrung und Medizin

Während meiner langen Blog-Abstinenz habe ich mich im Bereich gaaaaanz, ganz altes Volkswissen umgetan und bin bei den Heilpilzen rsp. Vitalpilzen gelandet.

Als ich klein war, sagte mir einmal jemand, die Chinesen essen sogar Baumpilze. Weil es nämlich so viele Chinesen gebe, müssen sie alles essen was nur irgendwie essbar ist, damit auch alle satt werden. „Die Chinesen“ taten mir leid, weil sie immer hungrig sind und Baumpilze essen müssen. Vom delikaten Austernpilz, der z.B. auch ein Baumpilz ist, wusste ich natürlich nichts. Heute tun mir „die Europäer“ leid, weil uns dieses Wissen ab dem Mittelalter weitgehend verlorenging. Jetzt werden Pilze als Heilmittel auch hierzulande wieder zunehmend bekannt, denn die westliche Forschung bestätigt immer mehr Aussagen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Heilpilze in Mitteleuropa
Beim Thema Heilpilze kommt man um die Geschichte von der Gletschermumie aus den Ötztaler Alpen nicht herum: Wanderer fanden 1991 am schmelzenden Similaun-Gletscher (Südtirol) einen Toten; dass der schon seit mehr als 5.000 Jahren tot war, hätten sie nicht gedacht. Der Mann war sehr professionell ausgerüstet. Unter anderem hatte er einige getrocknete Birkenporlinge (Piptoporus betulinus) bei sich – Schwächeparasiten, die bevorzugt Birken befallen. Sie können in mehrfacher Hinsicht wertvoll sein: als Zunderschwamm (Anzündhilfe selbst bei nassem Wetter), als antibiotische und entzündungshemmende Wundauflage, zur Einnahme bei Verdauungsbeschwerden und Parasitenbefall und als Kräftigungsmittel bei Erschöpfung. Da an der Mumie auch Tätowierungen entlang wichtiger Akupunkte zu sehen sind, ist anzunehmen, dass der Mann heilkundig war und auch den Pilz nicht nur als Anzündhilfe mitführte.

Birkenporling

Birkenpilz, Wienerwald Herbst 2015 (weiß, links)

Nähr- und Wirkstoffe
Die Ansicht, Pilze seien weitgehend frei von Nährstoffen, hat sich lange gehalten. Gleichzeitig gibt es den Ausdruck „Fleisch des Waldes“, der sich auf den Eiweißgehalt von Pilzen bezieht. Inzwischen kennt man unzählige Nährstoffe, die (nur) in Pilzen vorkommen. Einige davon sind recht ungewöhnlich und in unserer Ernährung ansonsten nicht vertreten, denn Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere, und sie können Holz verdauen. Dadurch enthalten sie Stoffe, die uns ansonsten nicht zur Verfügung stehen.

Sie haben eine einzigartige, hochkomplexe Zusammensetzung aus tausenden Inhaltsstoffen. Ihre Zellwände sind grundlegend anders zusammengesetzt als die der Pflanzen. Interessant sind u.a. ihre „sekundären“ Inhaltsstoffe. Allein die Zellwand-Ballaststoffe erfüllen beachtliche Funktionen im Darm, zum Beispiel jene, deren Moleküle einen Eiweiß-Anteil haben: Diese Glykoproteine wirken sehr effektiv auf das Immunsystem, sogar im Fall der schulmedizinisch unheilbaren Autoimmunerkrankungen.

Dabei wirken Pilze als Heilmittel in den allermeisten Fällen „adaptogen“, d.h. ausgleichend. In diesem Sinne wird z.B. das Immunsystem nicht einfach gestärkt sondern harmonisiert, d.h. im Fall einer Allergie auch gedrosselt; Allergien sind ja überschießende Immunantworten, die zu Beschwerden führen. Zu den Klassikern in der Heilpilztherapie zählen u.a. Krebs und Diabetes, bei denen immer wieder beachtliche Erfolge erzielt werden. Die Liste der Anwendungsgebiete ist praktisch endlos.

Chinin und Zellulose
Wir Menschen können keine Zellulose verdauen, der Inhalt intakter Pflanzenzellen ist unserer Verdauung also schwer zugänglich. Meister der Zelluloseverdauung sind die Wiederkäuer mit ihren 4 Mägen, daher können sie von Gras und Grünkräutern leben. Wir Menschen haben leider nur einen Magen und eine andere Enzymausstattung; so sind wir auf die mechanische Zerkleinerung zurückgeworfen, sprich: Schnippeln, Mixen und Kauen. Eine der Stärken grüner Smoothies ist folgerichtig, dass die Zellen von Brokkoli oder Kräutern in leistungsstarken Smoothiemixern weitgehend geöffnet werden und alle Zellinhaltsstoffe offen liegen. Doch auch bei Smoothies gilt: Nicht aufs Kauen verzichten! Denn die Funktion der vielen Speichel-Inhaltsstoffe sollte nicht unterschätzt werden.

Die Zellwände der Pilze bestehen nicht aus Zellulose sondern aus Chitin. Chitin ist für uns ähnlich unverdaulich wie Zellulose; eine Chitin-spaltende Chitinase (korrekt Chitotriosidase) kommt im menschlichen Darm kaum bis gar nicht vor. Besonders interessant wäre das Enzym im Zusammenhang mit Parasiten, denn Fadenwürmer und parasitische Insekten haben eine chitinhaltige Außenhülle. Und da die Verdauung erzieh- und trainierbar ist, steht zu hoffen, dass durch regelmäßigen Pilzgenuss die Aktivität der Chitinase erhöht und somit die Abwehr gegenüber Parasiten verbessert werden kann.

Die meisten Heilpilze sind Speisepilze.
Von den über hundert Pilzen, die weltweit zu Heilzwecken genutzt wurden und werden, sind in Europa derzeit etwa 12 in Mode gekommen. Die meisten sind auch ausgezeichnete Speisepilze: Am bekanntesten sind Austernseitling (Pleurotus), Schopftintling (Coprinus), Judasohr (Auricularia, die „chinesische Morchel“) und Shiitake, weniger bekannt ist der bei uns sehr seltene Igelstachelbart (Hericium). Der angeblich köstliche Mandelpilz (ABM, Agaricus blazei murrill) stammt aus Brasilien, und der Gemeine Klapperschwamm (Maitake) wächst in Japan. Keiner davon ist giftig.

Ungenießbar, weil zäh, bitter oder einfach zu schwer zu finden bzw. zu lagern sind der Glänzende Lackporling (Reishi), die Schmetterlingstramete (Coriolus), der Eichhase (Polyporus), der Chaga (Inonotus obliquus) und der Chinesische Raupenpilz (Cordyceps).

Pilze aus Wildsammlung
… eignen sich wunderbar als Lebensmittel; als Heilmittel leider nicht mehr. Pilze entgiften Boden und Holz, sie „ziehen das Gift“ heraus und nehmen es in sich auf. Nun sind Luft und Boden bereits seit mehreren Jahrzehnten verschmutzt, und die Pilze enthalten Schadstoffe. Die Konzentration ist wohl zu gering, um sie als Lebensmittel untauglich zu machen; die Schadstoffe werden durch den Nährwert aufgewogen. Eine Heilkraft kann leider nicht mehr garantiert werden. Bei bei kurmäßiger Anwendung (d.h. über mehrere Wochen mehrmals täglich) können die Schadstoffe jedoch schädlich sein, was die Heilwirkung mehr aus aufhebt.

Pilzdorf

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Über rapontica

Ich bin in der Steiermark geboren, habe in Wien Ernährungswissenschaften (Schwerpunkt Ernährungsökologie) studiert und lebe mit Mann und Hund im Wienerwald. Meine Lieblingsthemen sind essbare Wildpflanzen und Heil- bzw. Vitalpilze; zu den Pilzen habe ich in Winterthur (Schweiz) eine Fortbildung zur Mykotherapeutin absolviert. In Fachbeiträgen, Kursen und Vorträgen gebe ich dieses Wissen regelmäßig weiter - immer vor dem Hintergrund der menschlichen Ernährung im Wandel der Zeit. Dabei ist mein Ziel nicht die schlichte Wissensvermittlung, sondern das Weitergeben der Faszination für die Pflanzenwelt vor unserer Nase - und des teils verloren gegangenen Wissens um ihre Bedeutung für unsere körperliche und seelische Gesundheit.
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2 Antworten zu Heilpilze – Nahrung und Medizin

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